Es ist stockfinstere Nacht und da liegt er. Seine rechte Seite ruht auf Tannenreisig – ein ehrenvolles Bett wurde dem König der Wälder bereitet. Kein Mondschein erhellt diesen Vorabend des Hubertustages; nur der Schein der Fackeln und Feuerkörbe tanzt über die rote Decke des Achtenders. Aufgebahrt vor der über 900 Jahre alten Wallfahrtskirche und umringt von ernsten, in Tracht und Lederhosen gekleideten Männern und Frauen liegt er da. Ein archaisches Bild, welches trotz christlicher Tradition etwas sehr Urtümliches und Wildes in sich trägt. Meine Vorstellung suggeriert mir, dass es so oder so ähnlich doch auch in den Zeiten vor unserer Zeit ausgesehen haben muss, als unsere Vorfahren voll Ehrfurcht und Dankbarkeit den Gottheiten der Natur opferten.
Ein tief verwurzeltes Ritual
Aber ist dieses altehrwürdige Ritual, im Andenken an den Heiligen Hubertus und als Danksagung gegenüber den Geschöpfen des Waldes und der Felder zelebriert, so viel anders? Plötzlich, silberhell und feierlich werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Jagdhörner erschallen und das fröhliche Stimmengewirr der Ringumstehenden verstummt. Langsam zieht eine Schar von Klerikern auf den Kirchplatz. Ihre weißen Kutten leuchten im Dunkel der Nacht. Sie tragen das Kreuz vor sich her und wie es von den Flammen angestrahlt wird, dort neben dem aufgebahrten Hirschen, muss man unweigerlich an die Erscheinung des Heiligen Hubertus denken. Eine unbeschreibliche Stimmung, mehr ein Gefühl als ein Begreifen – gut vergleichbar mit der mystischen Atmosphäre bei der Jagd.
Der Gottesdienst zu Ehren des Heiligen Hubertus, des Schutzpatrons der Jäger, ist mehr als ein bloßer Akt der Erinnerung. Es ist ein Moment, in dem die Jagd nicht als Hobby, Sport oder Freizeitbeschäftigung sondern als uralter, respektvoller Akt betrachtet wird, der auf der engen Beziehung zwischen Jäger und Natur basiert. Nach kurzer Begrüßung durch den Priester und die Vertreter des Hegeringes setzt sich die Bahre mit dem Hirschen in Bewegung. Gefolgt von den Kirchenmännern und Grünröcken wird sie in die hell erleuchtete Barockkirche getragen. Vor dem Altar wird er nun platziert und die Gemeinde besetzt jeden Platz der großen Wallfahrtskirche in Klein-Mariazell.
Kunstvolle barocke Malereien zieren die Wände der Basilika – zur Unterscheidung zum steirischen Wallfahrtsort auch „Mariazell in Österreich“ genannt. Das Auge kann sich kaum sattsehen an dieser Pracht. Die Orgel ertönt und die Jagdhornbläser stimmen ein. Der harzige Duft von Weihrauch webt sich durch die andächtig Versammelten. Was für ein Klang, was für ein Fest für alle Sinne.
Der Heilige Hubertus – Vom Saulus zum Paulus
Nun sei vorausgeschickt, dass der Heilige Hubert erst seit dem 15. Jahrhundert zum Schutzpatron der Jäger und der Jagd avancierte. Die Hubertuslegende mit dem Hirschen und dem Kreuz im Geweih gehört eigentlich zur Überlieferung des Heiligen Eustachius und ist im Grunde eine Variante des Damaskuserlebnisses des Apostels Paulus – ihr wisst schon: Vom Saulus zum Paulus. Aber das macht nichts; eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte. Die Moral ist zeitlos und universell: Die Begegnung mit dem Heiligen und die Bekehrung Hubertus‘ zur christlichen Lehre symbolisieren Umkehr, Mäßigung und Besinnung – Werte, die jeder Jäger und jede Jägerin in ihrer täglichen Praxis anstreben sollten.
So soll der Legende nach auch der heidnische Hubertus gerade an einem Karfreitag zur Jagd aufgebrochen und dabei einem prächtigen Hirschen mit einem leuchtenden Kreuz im Geweih begegnet sein. Durch diese Begegnung habe er sich schließlich zum Christentum bekehrt. Was ist nun das Faszinierende an dieser Geschichte, die wohl nicht nur jeder Jäger kennt?
Zeitlosigkeit der Hubertuslegende – Eine Lehre für jeden Jäger
Es ist die Zeitlosigkeit. Es gehört wohl zur menschlichen Natur, manchmal maßlos zu sein. Immer mehr zu wollen, mehr erreichen zu wollen, nicht rasten und nicht ruhen zu können. Daher ist diese Geschichte und die Lehre daraus eine, die es jedes Jahr aufs Neue verdient, erzählt und ausgelegt zu werden. Die Botschaft, die sie vermittelt, ist klar: Die Jagd ist mehr als ein Hobby – sie ist eine Lebenseinstellung, die Demut, Geduld und Achtung vor dem Leben erfordert. Der Heilige Hubertus erinnert uns an die Notwendigkeit der Mäßigung, an das Zurückstellen unserer menschlichen Wünsche und an das Streben, Teil der natürlichen Ordnung zu sein.
Jeder Mensch, besonders in einer von Wachstum und Konkurrenz geprägten Gesellschaft, verspürt das Verlangen nach „mehr“: mehr Erfolg, mehr Wohlstand, mehr Einfluss. Doch die Hubertuslegende erinnert uns daran, dass wir als Teil der Schöpfung immer wieder innehalten und reflektieren sollten, ob das Streben nach „mehr“ wirklich der Weg zu Erfüllung und Zufriedenheit ist.
Für Jäger ist das Thema der Mäßigung von zentraler Bedeutung. Der Gedanke, dass wir als Verwalter der Natur verantwortlich und respektvoll handeln müssen, ist nicht nur ein romantisches Ideal, sondern eine Notwendigkeit, um die Balance zwischen Mensch und Natur zu wahren. Dieser Gedanke, Jahr für Jahr beim Hubertusgottesdienst erneuert und in die Herzen der Teilnehmenden gelegt, ist eine wertvolle Erinnerung daran, was es bedeutet, weidgerecht zu handeln.
Ein persönliches Fazit – Die Bedeutung von Mäßigung und Demut
Für mich persönlich hatte der Gottesdienst zu Ehren des Heiligen Hubertus eine beruhigende Wirkung. In einer Welt, die stets nach höher, schneller und weiter strebt, wird der Wert des Hier und Jetzt oft übersehen. Die Geschichte des Heiligen Hubertus und die Tradition dieses Gottesdienstes helfen mir, mich an meine eigene Neigung zur Rastlosigkeit zu erinnern und bewusst dagegen anzugehen. Die Lehre der Hubertuslegende, die auf Mäßigung, Dankbarkeit und Demut basiert, ist ein wertvoller Kompass in meinem Leben.
Wenn ich in den kommenden Monaten jagen gehe, werde ich versuchen, die Prinzipien, die ich in der Hubertusmesse so intensiv erlebt habe, in meine Handlungen einzubinden. Die Mäßigung und der Respekt vor der Schöpfung, wie sie uns in der Hubertusgeschichte vermittelt werden, können sowohl der Weidgerechtigkeit als auch meiner eigenen menschlichen Entwicklung zugutekommen. Den Schöpfer im Geschöpfe ehren.
Schlusswort: Das Kreuz als Symbol der Verbundenheit
Um es mit den Worten des zelebrierenden Priesters auszudrücken:
„Willst du Gottes Größe sehn‘
musst du in die Berge gehen.
Willst du Gottes Liebe sehn‘
bleibe vor dem Kreuze stehen.“
Das Kreuz im Geweih des Hirsches erinnert uns daran, dass die Jagd eine spirituelle Komponente hat, die über das bloße Erlegen hinausgeht. Sie ist ein Weg, die Schöpfung zu ehren und uns selbst in ein größeres Gefüge einzuordnen. Das Hubertusfest ist ein wertvolles Ritual, das uns Jahr für Jahr daran erinnert, dass wir nicht nur Jäger, sondern auch Hüter und Bewahrer der Natur sind.
In der stillen Nacht des Hubertustages wird dies besonders spürbar und es ist diese Stille, die uns daran erinnert, dass es manchmal wichtiger ist, innezuhalten, als voranzueilen. In dieser Stille liegt die Erkenntnis, dass wir nicht allein sind – dass wir Teil eines größeren Ganzen sind, das uns lehrt, mit Achtsamkeit und Dankbarkeit zu leben.
