Du betrachtest gerade Unsere Gams – unsere Verantwortung

Unsere Gams – unsere Verantwortung

Gedanken zum Gams Symposium & zum Gespräch mit Baron Gemmingen-Hornberg

„Hegen wir Jäger wirklich im Sinne der Gams – oder oft nur uns selbst?“

Mit dieser bewusst zugespitzten Frage begann mein Gespräch mit Baron Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg am Rande des Gamssymposiums „Unsere Gams – Unsere Verantwortung“ in Kufstein.

Eine Frage, die unbequem ist – aber notwendig. Und eine Frage, die sinnbildlich für zwei intensive Tage stand, an denen rund 270 Jägerinnen und Jäger, Wildbiologen, Forstexperten, Wissenschaftler und Praktiker aus dem gesamten Alpenraum auf Einladung des Tiroler Jägerverbandes und des Bayerischen Jagdverbandes zusammenkamen, um über eine der faszinierendsten und zugleich sensibelsten Wildarten zu diskutieren: die Gams.

Ein Tier zwischen Mythos, Bergromantik und Realität

Die Gams ist für viele von uns Inbegriff der Bergjagd. Frei, scheu, trittsicher, anspruchsvoll. Gamsbart, Gamsragout, Gams als Wappentier – kulturell allgegenwärtig. Und doch ist ihr tatsächlicher Zustand vielerorts besorgniserregend.

Seit den 1990er-Jahren gehen die Gamsstrecken – und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die Bestände – in vielen Regionen des Alpenraums zurück. Noch gravierender: Alters- und Geschlechterstrukturen sind gestört, alte Böcke fehlen, Sozialverbände sind beschädigt. Verlässliches Monitoring existiert oft nicht einmal bei erlegten Tieren.

Das Gamssymposium machte deutlich:
Die Gams steht unter Druck – durch Klimawandel, Krankheiten, Parasiten, steigende Sommertemperaturen, Freizeitnutzung, Konkurrenz mit anderen Schalenwildarten, große Beutegreifer. Doch einer der zentralen Beiträge des Symposiums stellte klar: Der massivste Eingriff in die Gamsbestände kommt vom Menschen – und konkret von uns Jägern.

 

„Der Finger, der abdrückt, ist unserer“

Der Vortrag von Baron Gemmingen-Hornberg, Vizepräsident des Bayerischen Jagdverbandes und Leiter des Fachausschusses Große Beutegreifer, war einer der deutlichsten und selbstkritischsten des Symposiums.

Seine zentrale These:
Abschussplanung und Abschusserfüllung ignorieren vielerorts systematisch ökologische Realität. Man tut so, als gäbe es Klimawandel, Störungen oder strukturelle Defizite nicht – weil man sich sonst einschränken müsste.

Mittelalte Böcke werden geschossen, weil sie verfügbar und leicht ansprechbar sind. Aber auch, weil in kleinstrukturierten Reviersystemen der Abschuss oft mehr zählt, als die Hege und somit das Wohl der Wildart.
Verzicht fällt schwer.
Geduld fehlt.

Und so entsteht eine bittere Wahrheit:
Wir klagen über zu wenig Gamswild – und sind zugleich Teil des Problems.

Wald vor Wild – oder Wald und Wild?

Ein weiterer Schwerpunkt seines Beitrags war die scharfe Kritik am jahrzehntelang propagierten Dogma „Wald vor Wild“. Eine Denkweise, die Wildtiere zur Störgröße erklärt und forstliche Perfektionsansprüche über ökologische Zusammenhänge stellt.

Gemmingen-Hornberg machte deutlich:
Es geht nicht um Wald oder Wild – sondern um Wald und Wild.
Um Mut zur Lücke, um Freiflächen, um Toleranz gegenüber natürlichen Prozessen. Und um großflächige Wintereinstände mit konsequenter Jagdruhe.

Verantwortung bedeute hier vor allem eines: Verzicht.
Nicht aus Ideologie, sondern aus Einsicht.

 

Das Gespräch: Anspruch, Praxis und Selbstbeschränkung

In unserem Interview – das ihr als Reel auf Instagram (gekürzt) und als Video auf YouTube findet – haben wir genau diese Punkte vertieft:

  • Wo liegt heute die größte Diskrepanz zwischen jagdlichem Anspruch und gelebter Praxis?
  • Inwiefern sind jagdpolitische Strukturen selbst Teil des Problems?
  • Wie realistisch ist Selbstbeschränkung in einem System, das von Abschusszahlen, Pachtinteressen und Erwartungshaltungen geprägt ist?

Besonders eindrücklich war dabei die persönliche Dimension:
Der Moment, in dem sich das eigene Verständnis von Verantwortung verändert – weg vom jagdlichen Wollen, hin zum Denken in Generationen.

Was bleibt?

Das Gamssymposium hat keine einfachen Antworten geliefert.
Aber es hat die richtigen Fragen gestellt.

Es wurde deutlich, dass wir die Gams noch längst nicht ausreichend verstehen – weder in ihren Bewegungsmustern noch in ihren Reaktionen auf Klima, Lebensraum und Bejagung. Und es wurde klar, dass es weniger einen Wald-Wild-Konflikt gibt als einen menschlichen Forst-Jagd-Konflikt.

Die Gams ist frei.
Sie folgt keinem Abschussplan, keinem politischen Wunsch, keinem forstlichen Ehrgeiz und keinem jagdlichen Eifer. Wenn wir sie erhalten wollen, müssen wir lernen, sie besser zu verstehen – vernetzter, ehrlicher, differenzierter.

 

Wie es weitergeht bei voll.wild

Das Gespräch mit Baron Gemmingen-Hornberg ist nur eines von vielen, die wir beim Gamssymposium im Hotel Andreas Hofer Kufstein führen durften.
In den kommenden Wochen werden auf den voll.wild Kanälen eine ganze Reihe weiterer Videos, Reels und Beiträge erscheinen – Interviews mit Referentinnen und Referenten, Einordnungen, vertiefende Gedanken.

Denn eines ist klar:
Wenn wir über Verantwortung sprechen, dann dürfen wir nicht beim Applaus im Vortragssaal stehen bleiben.

👉 Das Reel-Interview findet ihr auf Instagram.
👉 Das ausführliche Video ist auf YouTube verfügbar.

Baron Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg

Baron Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg ist deutscher Forstwirt, Land- und Waldbesitzer sowie eine maßgebliche Persönlichkeit im jagdlichen und jagdpolitischen Diskurs im deutschsprachigen Raum. Er ist Vizepräsident des Bayerischen Jagdverbandes (BJV) und als erfahrener Praktiker verbindet Gemmingen-Hornberg jagdliches, forstliches und naturschutzorientiertes Wissen.

In öffentlichen Debatten und Fachdiskussionen tritt er häufig mit klaren, auch provokanten Positionen auf – insbesondere in Bezug auf Hege, Abschussplanung und den Schutz großer Wildtierarten. Seine Themen reichen von der Bestandespflege großer Wildtiere über die Rolle großer Beutegreifer bis hin zu den Wechselwirkungen zwischen Waldwirtschaft, Jagd und Biodiversität.

Sein Engagement für Wald und Wild wurde mehrfach öffentlich wahrgenommen: So erhielt er unter anderem Auszeichnungen wie die bayerische Umweltmedaille für sein Eintreten für die Einheit von Wald- und Wildinteressen und er ist in Fachkreisen als streitbarer, aber respektierter Vertreter von Nachhaltigkeit und jagdlicher Verantwortung bekannt.

Text von Patrick Gamberoni
©
Fotografie & Grafiken bei Patrick Gamberoni

Schreibe einen Kommentar